Stimmt die Balance?
Immer mehr Unternehmer erkennen, dass Motivation und Leistung ihrer Mitarbeiter eng mit dem privaten Wohlbefinden zusammenhängen. Auch in angespannter Wirtschaftslage und gerade im Mittelstand wird Work-Life-Balance wichtig. Mehr Menschlichkeit am Arbeitsplatz sorgt für zufriedenere Mitarbeiter und damit für mehr Einsatz und Produktivität.
In den meisten Unternehmen hat sich die Definition Work-Life-Balance als Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben durchgesetzt. Doch es ist mehr als das. Erstmals tauchte der Begriff vor ca. 10 Jahren auf, als der iranische Arzt Nossrat Peseschkian das Thema in zahlreichen unterschiedlichen Kulturkreisen empirisch untersuchte. Das Ergebnis der Untersuchung zeigt die 4 Bereiche Arbeit, Körper, Beziehungen und Sinn, die es gilt, dauerhaft in Balance zu halten. Wofür arbeite ich? Was hält mich fit? Wem fühle ich mich verbunden? Was macht mir Sinn?
Rechnerisch nach gleichen Anteilen ist das sicher nicht zu lösen. Durch unterschiedliche Persönlichkeiten und individuelle Anforderungen entstehen die verschiedensten Lebensentwürfe und Balance-Modelle. Immer wieder zwingen uns Ereignisse, verstärkt in einen Bereich zu investieren. Markteinbrüche, Veränderungsprozesse und andere Anforderungen im Unternehmen erfordern die Fokussierung auf den Beruf. Einschneidende Krisen in der Familie oder freudige Ereignisse fordern Zeit und Energie. Und manchmal wird die Erhaltung unserer Gesundheit zum obersten Gebot. Bleibt über einen längeren Zeitraum der Fokus ausschließlich auf dem Bereich Beruf/ Leistung, leiden die anderen Bereiche, die Lebensqualität sinkt und ein Ungleichgewicht entsteht, bis hin zu gravierenden Konflikten und Burnout-Syndromen.
Wer kennt das nicht? Die letzten Wochen waren wieder hektisch, große Aufträge, wichtige Projekte und viele dringende Angelegenheiten, die man einfach nicht delegieren kann. Dann noch ein Geschäftsessen. Das geplante Treffen mit Freunden? Muss heute ausfallen. Der Theaterbesuch mit dem Partner? Zu müde dafür. Jogging? Dafür ist es zu spät. Entspannen auf dem Sofa? Die Gedanken kreisen um den wichtigen Auftrag. So oder ähnlich rutscht man in einen Zustand, in dem man sich innerlich leer und ausgebrannt fühlt. Oft ist das einzige, was dann noch geht, weitermachen und sich in neue Aufgaben stürzen. Wer sich jedoch stets kopfüber in die Arbeit stürzt, ignoriert häufig erste Anzeichen von Ermüdung und Erschöpfung.
Auch hochinteressante Aufgaben erschöpfen und die Erschöpfung zeigt sich zuerst in den Lebensbereichen, die gerade nicht die höchste Priorität genießen. Fehlen die Erholungsphasen, wirkt sich das nach und nach auch auf die Bereiche aus, in denen man mit viel Energie und Engagement unterwegs ist. Geben und Nehmen sind nicht mehr im Gleichgewicht, das Hamsterrad dreht sich immer schneller und die Zeit für Besinnung geht verloren - die schöpferische Zeit, die Unternehmer und Führungskräfte dringend benötigen, um Werte zu definieren, die ihrem Tun eine Richtung vorgeben. Um Visionen zu formulieren, die zu Fixpunkten des Handeln werden. Zweifellos gibt es Zwänge, die es erschweren, für das eigene Wohlbefinden und die Besinnung auf das Wesentliche zu sorgen. Doch als Mitgestalter von Beruf, Organisation und Gesellschaft haben wir die Verantwortung für das was wir tun - und für das was wir unterlassen.
"Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit, das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten", sagte schon George Bernard Shaw. Jeder ist Schöpfer seiner eigenen Welt. So wie wir sind, sind wir durch unsere Erfahrungen geworden. Und daraus lässt sich ganz leicht schließen: Je mehr Erfahrungen jemand macht, desto größer wird seine Welt. Um leistungsfähig und sensibel zu bleiben und den Sinn zu erhalten, in dem was man tut, braucht es vielfältige Erfahrungen in allen Lebensbereichen. Die persönliche Balance sieht bei jedem Menschen anders aus, jeder hat andere Vorstellungen von Glück und Erfüllung. Worum es geht, ist Lebensqualität in allen Bereichen zu schaffen.
"Stress ist ein Bazillus, der von Unsicheren in leitenden Positionen auf Mitarbeiter übertragen wird" (Oliver Hassencamp)
Besonders Unternehmern und Führungskräften fällt nicht nur die Aufgabe zu, ihr eigenes Leben zu gestalten. Sie sind mit verantwortlich für die gemeinsame Leistung und das Gestalten von Prozessen und Strukturen, die andere betreffen. Sie schaffen Bedingungen, unter denen andere ihre Arbeit gut tun können. Und dazu ist es notwendig, den Mitarbeiter nicht nur als Arbeitskraft, sondern als Mensch mit all seinen Bedürfnissen zu sehen – das schließt auch den Umgang mit seinem Privatleben, seinen Werten und seiner Gesundheit ein. Auch für die meisten Mitarbeiter steigen die Anforderungen an Flexibilität und Komplexität. Viele fühlen sich gestresst. Ob sie ihre Aufgaben dennoch motiviert anpacken, liegt entscheidend am Verhalten ihrer Vorgesetzten.
Zunächst ist Stress nichts Schlechtes. In positiven Stresssituationen lösen sich eingefahrene Denkmuster auf, kreative Lösungen für schwierige Probleme werden möglich. In herausfordernden Situationen ist (positiver) Stress ein Motor, der Teams in erhöhte Leistungsbereitschaft versetzt. Für die Führungskraft gilt es, rechtzeitig die Warnsignale zu erkennen, wenn es zuviel wird. Dauerstress ist schädlich und kann krank machen. Deshalb ist es wichtig, nach Phasen erhöhter Anspannung für Entspannung und aktive Regenation zu sorgen. Vielleicht gemeinsam feiern oder entspannen?
Es kommt darauf an, dass Führungskräfte erkennen, ob der Mitarbeiter sich den Anforderungen noch gewachsen fühlt. Nicht die Situation ist ein Stressauslöser, sondern die individuelle Bewertung. Die Grenzen sind fließend und bei jedem Menschen verschieden. Deshalb sind vertrauensvolle Gespräche, das Verständnis für die Bedürfnisse des Mitarbeiters und das Angebot, Hilfe zu leisten entscheidende Führungsaufgaben. Strategien zur Stressbewältigung sind so unterschiedlich wie die Menschen. Ob Sport, Bewegung, Entspannungstechniken oder Mentaltraining – entscheidend ist, dass damit die persönlichen Ressourcen und Kraftfelder erhalten und gestärkt werden. Je nach betrieblichen und individuellen Anforderungen können auch Modelle zur Flexibilisierung von Arbeitszeit und Teil-/Gleitzeitarbeit sowie Angebote der Kinderbetreuung, Fitnessangebote etc. hilfreich sein.
Gelebte Work-Life-Balance erhöht die Attraktivität des Unternehmens – auch für hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte, die eine neue Aufgabe suchen. Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für die Zukunft! Viele Zukunftsforscher und Experten sind sich einig: In der Zukunft werden Wachstum und Wandel von Fortschritten in der Erschließung spezifisch menschlicher Potentiale abhängig sein. Nefiodow (6. Kondratjew) prognostiziert als Antriebsenergie das Streben nach einer ganzheitlich verstandenen Gesundheit. Zeit zu schauen, wie es um die eigene Work-Life-Balance und die des Unternehmens bestellt ist?
Doris Beck, Geschäftsführerin von CUM NOBIS








