Liebesaffäre zwischen Konflikt und Lösung
In jedem Unternehmen kommt es hin und wieder zu Meinungsverschiedenheiten.
Meistens lassen sie sich schnell klären. doch in einigen fällen führen die Meinungsverschiedenheiten zu Konflikten, die für die Beteiligten eine unüberwindbare
Hürde darstellen. Die Unternehmerberaterin Jutta Knauer sprach mit Andrea Przyklenk über Entwicklung, Umgang und Lösungsmöglichkeiten von Konflikten.
"Um Konflikte aus der Welt zu schaffen, muss ich sie als erstes benennen", so Jutta Knauer. Für den Chef sei dies aufgrund der Hierarchie leichter als für den Mitarbeiter. "Wenn
sich ein Mitarbeiter entschließt, den Chef wegen eines Konflikts anzusprechen“, sagt sie, „sollte das wirklich ernst genommen und baldmöglichst geklärt werden. Der Mitarbeiter
liefert seinem Vorgesetzten damit einen großen Vertrauensbeweis. Hilfreich wäre, wenn dies dem Angesprochenen bewusst wäre. Das gilt vor allem, wenn es sich um einen Mitarbeiter handelt, der den Chef nur selten direkt anspricht." Den richtigen Ort und Zeitpunkt für ein
Konfliktgespräch gebe es wohl pauschal gar nicht. Trotzdem gelte: je früher, desto einfacher und besser, so die Beraterin. Ebenso wichtig sei, dass sich die Beteiligten ausreichend Zeit dafür nehmen würden und in der Lage seien, angemessen zu reagieren.
Zeit für Vorbereitung nehmen
Genauso wie man sich für das Gespräch selbst ausreichend Zeit nehmen müsse, solle man dies auch für die Vorbereitung tun. "Wer sich, bevor er das Gespräch sucht, darüber Gedanken macht, ist auf einem guten Weg", sagt Jutta Knauer. "Der erste Schritt hin zur Lösung ist, sich über die eigenen Gefühle klar zu werden, denn darum geht es letztlich
in jedem Konflikt." Wie ist der Konflikt entstanden? Um welche Standpunkte geht es?
Was habe ich zur Entstehung des Konflikts beigetragen? Welche Auswirkungen hat er auf mich und andere? Wie fühle ich mich dabei? Wie fühlen sich die anderen?
"Wenn ich mir solche Gedanken nicht gönne", so die Beraterin, "ist keine Lösung möglich. Ignoriere ich meine Gefühle, gerate ich schnell in ein eingefahrenes Schwarz-Weiß-Denken, in eine Gedankenspirale, aus der man nur schwer wieder herausfindet. In solchen Situationen tauchen Fragen auf wie 'Warum passiert das immer mir?', 'Wieso nimmt er sich gerade mich vor?' und ähnliches mehr. Das sind Gedanken, die die Konfliktlösung auf jeden Fall erschweren." Viel besser sei es, schon im Vorfeld zu überlegen, welche Lösungsmöglichkeiten für alle von Vorteil sein könnten, und wie hoch die eigene Bereitschaft zur Lösung ist. "Eine Lösung des Konflikts ist immer wünschenswert. Wenn er bestehen bleibt, folgen Frustration, Schweigen, Demotivation, Ausgrenzung bis hin zur Sabotage", gibt Jutta Knauer zu bedenken.
Gefühle entscheiden
Findet das Gespräch dann statt, ist entscheidend, dass die Gesprächsteilnehmer ihre Gefühle äußern und dazu stehen. Mit Ich-Botschaften kann man die eigene
Gefühlslage so thematisieren, dass der andere sie auch wirklich versteht.
"Es hilft nichts, die Fakten und die Sachlage zu klären, wenn wir nicht mit unseren Gefühlen umgehen können", gibt die Expertin zu bedenken. " 'Nutzen Sie Kognition und Intuition als Ihr Erfolgsteam', wie Dr. Gunter Schmidt, Leiter der SysTelos-Klinik in Bad Hersfeld und des Milton-Erickson-Instituts in Heidelberg, so treffend formuliert", so Jutta Knauer. Die Hirnforschung weiß mittlerweile, dass wir zu mehr als 95 Prozent durch Gefühle gesteuert werden. Wir können also davon ausgehen, dass durch Vertrauen die Lust an der Leistung wächst, gute Resultate erzielt werden und letztlich das Unternehmen gedeiht. "Angst, Druck und Misstrauen sind kontraproduktiv", sagt Jutta Knauer. "Deshalb sind Konfliktlösungsstrategien und ein Unternehmer, der sich dessen bewusst ist und entsprechend handelt, so wichtig." Der Chef habe immer den Hut auf. Und deshalb trage er auch die Verantwortung für den Umgang im Miteinander und dadurch für die Unternehmenskultur. "Wer Konflikte löst, indem er ein Machtwort spricht und darauf beharrt, dass er Recht hat" warnt die Trainerin, "erzieht seine Mitarbeiter zur Unselbstständigkeit. Er gibt ihnen zudem das ganz klare Signal 'was du denkst, ist mir egal'. Das sollte jeder Chef im eigenen Interesse vermeiden."
Kampf um Werte
"Nur wenn wir uns gefühlsmäßig von dem Problem dissoziieren bzw. lösen, sind wir nicht mehr Teil des Problems und können es lösen", erklärt Jutta Knauer. "Wenn wir erkennen, dass es nicht um die sachlichen Probleme geht, sondern um gegenseitige Erwartungen und unsere Enttäuschung über den anderen, sind wir auf einem guten Weg." Oft geht es nämlich nicht darum, dass ein Mitarbeiter nicht die geforderte Leistung bringt, sondern darum, dass der Vorgesetzte das Gefühl hat "der setzt sich nicht richtig für die Firma ein". Das sachliche Problem ist so betrachtet nur die Spitze des Eisbergs. Bei der Lösung eines Konflikts müssen alle Beteiligten von dem Gedanken abkommen, dass es Sieger und Verlierer gibt.
Dafür müssen alte, lieb gewordene Verhaltensmuster aufgegeben werden. Das erfordert Übung und Einsatz, denn der Mensch bleibt gerne beim Gewohnten. "Am Wichtigsten ist die Erkenntnis", so die Beraterin, "dass es für Konflikte niemals nur zwei mögliche Lösungen gibt. Es gibt immer mehrere, man muss lediglich die beste finden und zwar im Kreise der Konfliktbeteiligten. Damit können alle erhobenen Hauptes herauskommen. Wenn man das im Kopf behält, wird die scheinbar aussichtslose Affäre zur Liebesaffäre zwischen Konflikt und Lösung."
Wann Konflikte Hilfe erfordern
Wenn derselbe Konflikt immer wieder auftaucht, ist es an der Zeit, über externe Hilfe nachzudenken. Die bisherigen Lösungen waren dann stets nur Scheinlösungen und hatten keine langfristige Wirkung. Wenn der Vorgesetzte bzw. der Unternehmer selbst an dem Konflikt beteiligt ist, empfiehlt sich in diesem Fall, einen professionellen Moderator von außen hinzuzuziehen. "Er sollte keiner Partei zugeneigt sein und braucht auch keine tieferen Kenntnisse des Konflikts", empfiehlt Jutta Knauer. "Allerdings sollte sein Auftrag mit allen Beteiligten genau geklärt werden. Die Konfliktparteien müssen sich darüber im Klaren sein, welches Ergebnis sie wollen." Wenn unter den Beteiligten auch nur einer sei, so die Beraterin, der nicht an einem positiven Ergebnis interessiert sei, zum Beispiel jemand, der sowieso kündigen wolle und kein Interesse mehr am Unternehmen habe, sei jegliche Mühe vergebens. Der Moderator sollte also unbedingt vorher klären, welche Lösung angestrebt werden soll und ob alle damit einverstanden sind. Das zwingt die Beteiligten auch dazu, sich für die Lösung zu engagieren und aktiv daran mitzuwirken. Findet so ein Gespräch in einer größeren Gruppe statt, ist es unabdingbar, dass keine Macht- oder sonstigen Spiele gespielt werden. Außerdem sollten klare Linien für die Gesprächskultur festgelegt werden.







